Negative Space

Wel­chen Ein­fluss hat jener Raum auf ein Objekt, wel­chen die­ses nicht ein­nimmt? In ästhe­ti­scher Hin­sicht kön­nen wir meist intui­tiv beur­tei­len, ob eine Vase zu nah an der Wand steht oder der Blu­men­strauß zu über­la­den ist. Der soge­nann­te nega­ti­ve Raum bezeich­net in der Kunst jenen Raum, wel­cher um und im Objekt selbst frei bleibt. Dabei ist die­ser nicht ein­fach unge­nutz­ter Platz, son­dern fokus­siert auf die vor­han­de­nen Objek­te (posi­ti­ver Raum), setzt sie mit­ein­an­der in Bezie­hung und hat damit ent­schei­den­den Ein­fluss auf die Gesamt­kom­po­si­ti­on. Der Kurz­film Nega­ti­ve Space setzt in kunst­vol­ler Stop-Moti­on-Tech­nik den Raum zwi­schen einem Vater und sei­nem Sohn und die Ver­mei­dung von unge­nutz­tem Raum beim Kof­fer­pa­cken mit­ein­an­der in Bezie­hung.

Kern­kom­pe­tenz: Den eige­nen Glau­ben und die eige­nen Erfah­run­gen wahr­neh­men und zum Aus­druck brin­gen sowie vor dem Hin­ter­grund christ­li­cher und ande­rer reli­giö­ser Deu­tun­gen reflek­tie­ren.

Jahr­gang: 5 – 12

Arbeits­for­men: Filmin­ter­pre­ta­ti­on, Stand­bild, Mind­map, krea­ti­ves Schrei­ben

Medi­en:

Metho­di­sches Vor­ge­hen

Der Kurz­film ermög­licht wenigs­tens zwei Wege der Beschäf­ti­gung, wel­che ein­zeln oder mit­ein­an­der kom­bi­niert der Lern­grup­pe ent­spre­chend ver­folgt wer­den kön­nen. Denk­bar erscheint eine sym­bol­di­dak­ti­sche Ein­heit zum Sym­bol Kof­fer, aber auch eine Über­tra­gung des Begriffs des nega­ti­ven Raums auf die Bezie­hungs­ebe­ne. Im Fol­gen­den wer­den bei­de Zugän­ge ver­knüpft dar­ge­stellt.

Einstieg

  • Asso­zia­tio­nen zum Sym­bol Kof­fer: In Ein­zel­ar­beit und /​oder im Ple­num wird eine Mind­map zum Begriff Kof­fer erstellt. Durch Impul­se kann hier bereits der Sym­bol­cha­rak­ter des Kof­fers her­vor­ge­ho­ben wer­den (Impul­se: Urlaub, Klas­sen­fahrt, Umzug, Platz, Begren­zung, Bewe­gung, Auf­bruch, Vor­be­rei­tung, Ord­nung, Cha­os…)

  • Gestell­tes Stand­bild zum nega­ti­ven Raum: Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler bekom­men die Auf­ga­be in Grup­pen von min­des­tens drei Per­so­nen eine Bezie­hung in einem Stand­bild durch den Raum zwi­schen den Per­so­nen zu cha­rak­te­ri­sie­ren. Dabei wird jeweils durch ein Grup­pen­mit­glied eine aus­ge­wähl­te Bezie­hung (etwa zu bzw. zwi­schen Eltern, Geschwis­tern, Freun­den, Mit­schü­lern…) dar­ge­stellt, indem die ande­ren Grup­pen­mit­glie­der so posi­tio­niert wer­den, dass der Raum zwi­schen ihnen Aus­kunft über die Bezie­hung gibt. Die Klas­se hat die Auf­ga­be das Stand­bild in die­ser Hin­sicht zu deu­ten und auch die gestell­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen aus der Innen­per­spek­ti­ve ihre Gefüh­le und Gedan­ken äußern. Es emp­fiehlt sich den Vor­gang und die Deu­tung exem­pla­risch zu ver­deut­li­chen und klar­zu­stel­len, dass nie­mand gezwun­gen ist über per­sön­li­che Bezie­hun­gen zu spre­chen, wenn er oder sie nicht will.

Durch eine Ein­füh­rung in das Begriffs­paar posi­ti­ver und nega­ti­ver Raum und den Aus­tausch über das Sym­bol Kof­fer kann bereits im Ein­stieg gezielt auf die Deu­tung des Films hin­ge­ar­bei­tet wer­den.

Filmarbeit

Beim Sehen des Kurz­films soll­te je nach Alters­stu­fe und Eng­lisch­kennt­nis­sen mit Unter­ti­teln (kön­nen bei You­Tube in eng­li­scher und deut­scher Spra­che akti­viert wer­den), dem eng­li­schen Text (sie­he Medi­en) oder einer Über­set­zung gear­bei­tet wer­den.

Die fol­gen­den Auf­ga­ben kön­nen für die Erschlie­ßung des Films zum Ein­satz kom­men.

  • Beschrei­be Gedan­ken, Gefüh­le und Asso­zia­tio­nen, die dir beim ers­ten Sehen des Films gekom­men sind.
  • Gib dem Film einen ande­ren, aus­sa­ge­kräf­ti­gen Titel und begrün­de dei­ne Ent­schei­dung.
  • Stell die dar­ge­stell­te Ent­wick­lung der Bezie­hung des Sohns zum Vater gra­fisch dar. (z.B. Dia­gramm, Sozio­gramm)
  • Deu­te den Film unter Zuhil­fe­nah­me der fol­gen­den Begriffs­paa­re (oder der Erkennt­nis­se aus der Mind­map): Nähe-Distanz, Auf­bruch-Still­stand, Ord­nung-Cha­os, Vor­be­rei­tung- Begren­zung.

Vertiefungsaufgabe zum Film

Der Kurz­film ver­weist in sei­ner ein­fa­chen Spra­che und sei­nen ein­drucks­vol­len Bil­dern auf ele­men­ta­re Erfah­run­gen des Mensch­seins. Dazu gehört etwa die Erfah­rung der Begrenzt­heit. Beim Kof­fer­pa­cken wol­len wir uns auf Umstän­de vor­be­rei­ten, die wir doch nur ver­mu­ten kön­nen und oft haben wir dabei weni­ger Platz zur Ver­fü­gung als wir ger­ne nut­zen wür­den. Mit dem Tod des Vaters und dem unge­nutz­ten Platz im Sarg, kommt auch die End­lich­keit der Lebens­zeit als größ­te Begren­zung mensch­li­cher Exis­tenz im Film vor.

Auch die Bedürf­nis­se zwi­schen­mensch­li­cher Bezie­hun­gen, der Ein­fluss des unaus­ge­füll­ten Raums zwi­schen Men­schen auf Ihre Bezie­hun­gen sowie die Wei­ter­ga­be von Wis­sen und Hal­tun­gen von einer Genera­ti­on auf die nächs­te kom­men zur Spra­che. Damit bie­tet die Moti­vik des Kurz­films viel­fäl­ti­ge Anknüp­fungs­punk­te für eine ver­tie­fen­de Bear­bei­tung. Im Fol­gen­den fin­den sich Mög­lich­kei­ten, die für sich genom­men oder in Kom­bi­na­ti­on arran­giert wer­den kön­nen.

  • Nega­ti­ver Raum als Bezie­hungs-Meta­pher
    • Wen­de die Begrif­fe nega­ti­ver und posi­ti­ver Raum auf die Vater-Sohn-Bezie­hung an. (Ver­weis auf den Stand­bild-Impuls)
    • Lei­te aus dei­nen Beob­ach­tun­gen all­ge­mei­ne Über­le­gun­gen dazu ab, wie der Begriff des nega­ti­ven Raums genutzt wer­den kann, um Bezie­hun­gen im All­ge­mei­nen zu beschrei­ben und zu ihrem Gelin­gen bei­zu­tra­gen.

  • Sym­bol Kof­fer – krea­ti­ves Schrei­ben
    • Ver­voll­stän­di­ge den fol­gen­den Spruch: Das Leben ist wie ein Kof­fer, …
    • Wenn eine bestimm­te Bezie­hung ein Kof­fer wäre, wie sähe er aus?
    • Wenn ich mir für eine bestimm­te Bezie­hung einen Kof­fer packen müss­te, was wäre drin?

Die­se Auf­ga­ben kön­nen auch gut zu einer krea­ti­ve Gestal­tungs­auf­ga­be in Koope­ra­ti­on mit dem Fach Kunst erwei­tert wer­den.

  • Gedan­ken­ex­pe­ri­ment zur Prä­gung der Kin­der durch Ihre Eltern
    • Der Sohn beklagt am Ende den ver­geu­de­ten Raum im Sarg. Stel­le begrün­de­te Ver­mu­tun­gen dazu an, was der Sohn dem Vater ger­ne mit auf die Rei­se gege­ben hät­te.
    • Wie geht es wei­ter? Stel­le Ver­mu­tun­gen dazu an, wie der Sohn mit sei­nem eige­nen Kind in Bezie­hung tre­ten wird, wie er den Raum zwi­schen Ihnen gestal­ten wird, wel­che gemein­sa­men Ritua­le er ein­füh­ren könn­te und begrün­det dei­ne Ver­mu­tung.

Theologische Deutung

Die Rich­tung der Ein­nah­me einer christ­li­chen Per­spek­ti­ve hängt nun stark davon ab, wel­che Gedan­ken­gän­ge ver­folgt und wel­che Erkennt­nis­se gewon­nen wur­den. Wur­de vor­der­grün­dig der Begriff des nega­ti­ven Raums zur Refle­xi­on von Bezie­hun­gen genutzt oder wur­de eher nur am Sym­bols Kof­fer wei­ter­ge­ar­bei­tet. Neben sicher­lich vie­len ande­ren Mög­lich­kei­ten wer­den die fol­gen­den the­ma­ti­schen Ver­knüp­fun­gen vor­ge­schla­gen.

  • Die letz­te Rei­se
    • Pro­jekt: Ein Kof­fer für die letz­te Rei­se. Ein­mal Jen­seits und zurück (sie­he unter Medi­en)
    • Im Kunst­pro­jekt „Ein Kof­fer für die letz­te Rei­se“ wur­den Men­schen gebe­ten sich selbst einen Kof­fer zu packen, mit wel­chem sie aus dem Leben tre­ten wür­den.
    • Das Buch zur Aus­stel­lung kann anti­qua­risch bestellt wer­den.
    • Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler kön­nen sich mit­hil­fe der vor­he­ri­gen Erkennt­nis­se mit dem Pro­jekt ins­ge­samt aus­ein­an­der­set­zen und den posi­ti­ven und nega­ti­ven Raum der ein­zel­nen Expo­na­te deu­ten, sowie eige­ne Kof­fer gestal­ten.

  • Die Got­tes­fra­ge
    • Das Nach­den­ken über die Tran­szen­denz und Imma­nenz Got­tes kann auch über die Kate­go­ri­en des nega­ti­ven und posi­ti­ven Raums gesche­hen. Wel­cher Raum befin­det sich zwi­schen Mensch und Gott? Wel­chen Raum lässt uns Gott und wie viel Raum schaf­fen wir zwi­schen Gott und uns. Wel­chen Ein­fluss hat all dies auf die Bezie­hung zwi­schen Gott und Mensch?

  • Sich auf die Rei­se machen
    • Die Bezie­hung Abra­hams zu sei­nen Kin­dern und zu Gott sowie sein ver­hei­ßungs­vol­ler Auf­bruch ins Unge­wis­se (Gen 12), könn­ten mit­hil­fe des Sym­bols Kof­fer und der Kate­go­rie Raum erschlos­sen wer­den.

  • Gestal­tung gelin­gen­der Bezie­hun­gen
    • Die ver­tief­te Deu­tung der Vater-Sohn-Bezie­hung im Kurz­film könn­te genutzt wer­den, um sich fami­liä­ren oder ande­ren Bezie­hun­gen, wie Freund­schaft und Part­ner­schaft aus anthro­po­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve zu nähern.

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Tobias Neumeister

Lehrer für die Fächer evangelische Religion und Biologie am Gymnasium Landsberg.
Tobias Neumeister

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